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Die Geschichte der Ballonfahrt - zurück

Seit mehr als zweihundert Jahren hat sich am Prinzip des Heißluftballonfahrens nichts geändert. Die Technik und die physikalischen Gesetze des statischen Auftriebs nutzen die heutigen Ballonfahrer genauso wie vor mehr als zweihundert Jahren die Gebrüder Montgolfier. Hierbei werden die in der Ballonhülle eingeschlossenen Luftmassen mit Hilfe eines Brenners erhitzt.

Die erhitzte Luft wird durch die Veränderung ihrer Dichte leichter und der Ballon erhebt sich in den Himmel. Sobald der Ballon abgehoben hat, bestimmt nur noch der Wind seine Fahrtrichtung. Joseph Michel und Jacques Etienne Montgolfier stammten aus einer Familie, die seit vier Jahrhunderten in der Provinz die Papierherstellung betrieb.

Im Jahre 1782, als Joseph mit seinen ersten Ballonexperimenten begann, war der florierende Familienbetrieb in Annonay, südlich von Lyon, als "königliche Papiermanufaktur" Hoflieferant des französischen Königs geworden. Das mit dieser Auszeichnung verbundene Einkommen machte Joseph, damals 42, und seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Etienne, finanziell so unabhängig, dass sie sich ganz ihren Liebhabereien widmen konnten. Joseph Montgolfier befasste sich mit Ballonen.
An einem sonnigen Dezembernachmittag des Jahres 1783... verfolgte der Herzog von Villeroi von einem Fenster seiner Wohnung aus skeptisch die Vorbereitungen für den Aufstieg eines bemannten Ballons in den Pariser Tuilerien. Obwohl der Herzog von ähnlichen Experimenten wusste, die seine Landsleute in den vergangenen Wochen durchgeführt hatten, glaubte er nicht recht daran, daß diese Maschine sich in die Luft erheben würde.

Einige Minuten später stieg der Ballon jedoch tatsächlich auf, und der betagte Adlige, der ihn über die Bäume schweben sah, sank auf die Knie wie jemand, der ein Wunder erlebt. "Ja, es ist gewißlich wahr!" prophezeite er den Männern, die jetzt aus der unter der farbenprächtigen Seidenkugel hängenden Gondel winkten. "Sie werden das Geheimnis entdecken, wie man dem Tode entrinnt."

Selbstverständlich hatten die Ballonfahrer keine Methode gefunden, dem Tode zu entgehen - tatsächlich sollte er einige von ihnen nur allzu früh ereilen. Aber sie hatten eine Möglichkeit entdeckt, die menschliche Lebenserfahrung zu erweitern und sich zumindest zeitweise von den Fesseln der Schwerkraft zu lösen, um ungehindert in eine neue und faszinierende Dimension zu entschweben.

Der Anblick ihrer Mitmenschen, die an diesem Nachmittag zum Himmel aufstiegen, war für die Hunderttausende von erdverhafteten Parisern, die zumindest einen kurzen Blick auf den Freiballon erhaschten, so verblüffend, dass sie das Jahr 1783 wie der Herzog von Villeroi als annus mirabilis - Jahr der Wunder - in Erinnerung behielten.

Aus der Sicht der Ballonfahrer hatte das Jahr der Wunder schon knapp sechs Monaten zuvor begonnen - jedoch nicht in Paris, sondern in Südfrankreich, wo zwei Brüder auf die Idee gekommen waren, die heiße Luft über einem Feuer in einem großen Beutel aus Papier und Leinen einzufangen. Joseph Michel und Jacques Etienne Montgolfier stammten aus einer Familie, die seit vier Jahrhunderten in der Provinz die Papierherstellung betrieb.

Im Jahre 1782, als Joseph mit seinen ersten Ballonexperimenten begann, war der florierende Familienbetrieb in Annonay, südlich von Lyon, als "königliche Papiermanufaktur" Hoflieferant des französischen Königs geworden. Das mit dieser Auszeichnung verbundene Einkommen machte Joseph, damals 42, und seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Etienne, finanziell so unabhängig, dass sie sich ganz ihren Liebhabereien widmen konnten.

Joseph Montgolfier befaßte sich mit Ballonen - wobei die dafür genannten Gründe eher ins Reich der Fabel gehören dürften. Der einen Darstellung zufolge soll er auf das Prinzip des Fluges mit Geräten "leichter als Luft" gekommen sein, als er beobachtete, wie der vor einem Kaminfeuer hängende Unterrock seiner Frau von der aufsteigenden Warmluft in die Höhe gehoben wurde.

Nach einer anderen Lesart ging die ursprüngliche Idee auf eine einfache Papiertüte, in der Zucker abgepackt gewesen war, zurück: Als die leere Tüte ins Feuer geworfen wurde, stieg sie in den Schornstein hinauf, ohne zu verbrennen.

Tatsache ist, daß die physikalischen Grundlagen solcher Phänomene zur Zeit der Gebrüder Montgolfier bereits wohlbekannt waren. Der griechische Mathematiker Archimedes hatte sie vor fast 2000 Jahren in seiner Abhandlung "Über schwimmende Körper" auseinandergesetzt. Nach dem Archimedischen Prinzip ist der Auftrieb eines Körpers gleich dem Gewicht der von ihm verdrängten Flüssigkeitsmenge.

Nach dem gleichen Prinzip musste ein mit einem Gas leichter als Luft gefüllter Körper, zum Beispiel ein Ballon, in die Höhe steigen, bis sein Gewicht genau dem der durch ihn verdrängten Luftmenge entsprach.
Im Laufe der Zeit bemühten sich verschiedene Männer, das Archimedische Prinzip in der Luftfahrt anzuwenden. Ihre Versuche schlugen jedoch fehl - meist weil kein genügend leichtes Traggas vorhanden wär.

Aber Joseph Montgolfier, ein gebildeter und praktisch veranlagtet Mann, hatte von einem im Jahre 1766 entdeckten Gas gelesen, das 14mal leichter war als Luft. Henry Cavendish, der brillante englische Forscher, der dieses Gas entdeckt hatte, erkannte seine explosiven Eigenschaften; er nannte es "Phlogiston" nach dem im 18. Jahrhundert üblichen Namen für ein Element, das angeblich in allen brennbaren Stoffen enthalten war.

Um 1783 erhielt das Gas den Namen, der uns heute geläufig ist - Hydrogen oder Wasserstoff -. Obwohl die meisten es einfach als "trennbare Luft" kannten.
Bei seinen ersten Versuchen füllte Joseph Montgolfier kleine Papierkugeln mit Wasserstoff und ließ sie steigen, was vor ihm schon Tiberius Cavallo, ein damals in England lebender italienischer Wissenschaftler, versucht hatte.

Cavallos Experimente waren wenig erfolgreich gewesen, und Montgolfier erging es anfangs nicht besser. Seine Ballone stiegen nur wenige Meter hoch und stürzten dann ab, weil das Traggas innerhalb von Sekunden durch die Papierhüllen entwich. Im Gegensatz zu Cavallo gab Joseph Montgolfier jedoch nicht auf. Nachdem Seide sich als ähnlich gasdurchlässig erwiesen hatte, verzichtete er auf weitere Versuche mit Wasserstoff und sah sich nach einem anderen Stoff um, der leichter als Luft und besser einzuschließen war als Wasserstoffgas.

Cavallo, der ein beredter Chronist der frühen Ballonfahrt wurde, schrieb später, nachdem Montgolfier das natürliche Aufsteigen des Rauches und der Wolken in der Atmosphäre" beobachtet hatte, habe er beschlossen, diese Körper nachzuahmen oder eine Wolke in eine Hülle einzuschließen und letztere durch den Auftrieb der ersteren in die Höhe heben zu lassen".

Wolken ließen sich offenbar nicht einfangen, aber Joseph - ob durch die Geschichte mit dem sich aufblähenden Unterrock angeregt oder nicht vermutete, daß Rauch sich als Traggas verwenden lasse. Er begriff nicht, dass die Wärme des Rauchs eine Ausdehnung und ein Aufsteigen der Luft bewirkte; statt dessen hielt er den Rauch für den gesuchten Stoff und war sogar der Überzeugung, je übelriechender der Rauch sei, desto mehr Tragkraft besitze er.

Deshalb verbrannte er eine Mischung aus feuchtem Stroh und kleingeschnittener Wolle, was vielversprechend stank. Nach einem zu Hause angestellten erfolgreichen Experiment mit einem kleinen Ballon führte Joseph seine Erfindung seinem Bruder Etienne vor, der sich sofort von seiner Begeisterung für dieses aerostatische Projekt anstecken ließ.

Sie bauten gemeinsam einen größeren Ballon, füllten ihn mit Rauch und beobachteten gespannt und fasziniert, wie er allmählich etwa 20 Meter hoch aufstieg, bevor der Rauch abkühlte (die Brüder nahmen zweifelsohne an, er sei lediglich entwichen), so daß der Ballon wieder langsam zur Erde herabsank.

In den ersten Monaten des Jahres 1783 verbesserten die Brüder Montgolfier ihre Erfindung, probierten verschiedene Kombinationen aus Stoff und Papier für Ballonhüllen aus, steigerten deren Volumen und sahen ihre unbemannten Ballone immer größere Höhen erreichen - bis zu 300 Meter.

Im Juni 1783 bauten sie ihren bisher größten Ballon - eine mit Papier ausgeschlagene starke Leinenhülle, die 33,5 Meter Umfang und ein Volumen von 625 Kubikmetern hatte - und luden die Bevölkerung sowie die Vertreter der Landstände von Vivarais zu einem Ballonaufstieg von einem Feld in der Nähe des Marktplatzes von Annonay ein.

Das Ergebnis erfüllte alle Erwartungen der Montgolfiers: Der heiße Rauch eines großen Feuers verwandelte die gewichtigen Stoff- und Papiermassen in eine riesige schwankende Kugel, die von acht schwitzenden Männern, die einen unten angebrachten quadratischen Holzrahmen umklammerten, festge-halten wurde.

Auf Joseph Montgolfiers Zeichen hin ließen die Helfer den Ballon los, der vor dem verblüfften Publikum bis auf eine Höhe von etwa 2000 Metern stieg. Dort schwebte er elegant ungefähr zehn Minuten lang, bevor er etwa zweieinhalb Kilometer vom Aufstiegsort sanft niederging.

Leistung der Brüder Montgolfier fand augenblicklich Anerkennung. Die Nachricht von ihrem erstaunlichen Erfolg gelangte aus der Provinz rasch nach Paris, der geistigen und kulturellen - sowie der politischen Hauptstadt Frankreichs, und löste eine Flut von Erfindungen aus, durch die binnen kurzem die Aerostatik als Wissenschaft begründet wurde, die nun erforschte, wie ein Ballon zum Steigen oder Sinken zu bringen oder im Gleichgewicht zu halten sei.

Daraus entstand fast augenblicklich ein neuer Wortschatz. Die Ballonfahrt wurde als Aerostation bezeichnet. Die Ballone selbst hießen Aerostate oder aerostatische Maschinen, und die Luftfahrer wurden als tollkühne Aeronauten bejubelt.

Die angesehene Academie des Sciences (Akademie der Wissenschaften) nahm das Angebot des jungen Physikprofessors Jacques Alexandre Cesar Charles an, den Versuch der Brüder Montgolfier zu wiederholen und dadurch seine Durchführbarkeit noch einmal zu beweisen. Charles war jedoch durch einen im Journal de Paris erschienenen Bericht über das Experiment der Montgolfiers irregeführt worden; er nahm an, die Brüder hätten ihren Ballon mit Wasserstoffgas gefüllt.

Diese irrige Auffassung brachte Charles auf einen Weg, der zur Entwicklung eines völlig anderen Ballons führte - und zu einer freundschaftlichen, gutmütigen, höchst produktiven Rivalität mit den Brüdern Montgolfier.

Im August 1783 war der damals 37 jährige Professor Charles bereit, in Paris das Luftfahrtzeitalter anbrechen zu lassen - und die Stadt war es auch. Man konnte den großen Augenblick kaum noch erwarten. Tatsächlich hatten Hunderte von Parisern zur Finanzierung des Ballonbaus beigetragen, indem sie für das Vorrecht, den geplanten Aufstieg aus allernächster Nähe beobachten zu dürfen, einen Lire pro Person gezahlt hatten.

ln allen unseren "Zirkeln", berichtete Baron Friedrich Melchior von Grimm aus Paris, "bei allen unseren Soupers, an den Toilettentischen unserer hübschen Damen wie in unseren akademischen Schulen spricht man nur noch von Experimenten, atmosphärischer Luft, brennbarem Gas, fliegenden Wagen und Reisen durch die Lüfte."

Seine raschen Fortschritte verdankte Charles zum großen Teil Jean und Noel Robert, Pariser Handwerkern, die ein Verfahren zur Herstellung gummibeschichteter Seide entwickelt hatten. Durch diese weniger gasdurchlässige Beschichtung war das Problem gelöst, das Joseph Montgolfier daran gehindert hatte, seine Versuche mit dem sich schnell verflüchtigenden Wasserstoff fortzusetzen.

Innerhalb weniger Wochen bauten Charles und die Brüder Robert in ihrer Werkstatt am Place des Victoires einen runden Ballon mit vier Meter Durchmesser und einem Rauminhalt von 33 Kubikmetern: einen Zwerg im Vergleich zu dem Riesenballon der Montgolfiers, aber - wegen der Wasserstoffüllung - mit wesentlich höherer Tragkraft pro Kubikmeter.

Der Ballon sollte durch einen unten angebrachten Füllansatz, dessen Ventil nach beendeter Füllung geschlossen werden konnte, mit Gas gefüllt werden. Aber dieser Füllvorgang, der am 23. August 1783 in dem kleinen Hof neben der Werkstatt der Brüder Robert begann, erwies sich als viel schwieriger als erwartet.

Im Jahre 1783 ließ sich Wasserstoff in größeren Mengen am besten durch die Einwirkung verdünnter Schwefelsäure auf Eisenfeilspäne herstellen. Der zu diesem Zweck von den Erfindern aufgebaute Apparat war jedoch so undicht, dass er gründlich überholt werden mußte. Dann wurde das Gas, das in den Ballon geleitet werden sollte, durch die chemische Reaktion zwischen der Säure und dem Eisen so heiß, daß es den Ballonstoff in Brand zu setzen
drohte, so daß die Hülle mit Wasser gekühlt werden mußte.

Das führte wiederum dazu, daß der in dem Gas enthaltene Wasserdampf im Ballon kondensierte und ihn zu füllen begann. Außerdem enthielt dieses Wasser eine schwache Säure, die die Innengummierung des Ballons angriff und undichte Stellen verursachte. Die Erwartungen der Öffentlichkeit waren inzwischen so hochgeschraubt, daß eine erste Vorführung nicht viel länger hinausgezögert werden durfte.

Am vierten Tag hatte die erschöpfte Füllmannschaft endlich soviel Gas in den Ballon geleitet, daß ein Fesselaufstieg bis zu einer Höhe von 30 Metern möglich war. Der über den Dächern von Paris schwebende Ballon lockte eine riesige Menschenmenge an, die ihm gefährlich zu werden drohte.

Die Erfinder beschlossen deshalb, den Ballon vor dem geplanten Start auf das weitaus größere Marsfeld zu überführen, auf dem ein Jahrhundert später der Eiffelturm entstehen würde. Der Ballon wurde an seinen Tauen heruntergezogen, auf einem Wagen festgebunden und - spät nachts, um keine Neugierigen anzulocken - auf fast menschenleeren Straßen durch Paris transportiert.

Mit seiner Begleitmannschaft aus berittenen Stadtwachen und Fackelträgern - letztere in gefährlicher Nähe des Wasserstoffgases - war der Ballon der Mittelpunkt eines wunderlichen Zuges. "Dies machte auf die schon auf den Straßen fahrenden Kutscher einen so heftigen Eindruck", schrieb Bartholemy Faujas de Samt-Fond, ein weiterer Chronist der frühen Ballonfahrt, "dass sie beim ersten Anblick ihre Wagen anhielten und mit dem Hut in der Hand nicht abließen, sich tief zu bücken, bis die Prozession an ihnen vorüber war.

Den ganzen nächsten Tag, den 27. August, strömten Schaulustige zusammen. Die Geldgeber - unter ihnen der 77 jährige Wissenschaftler und Philosoph Benjamin Franklin, damals Gesandter der Vereinigten Staaten in Frankreich - wurden in den abgesperrten inneren Bereich eingelassen, in dem der Ballon zum Aufstieg vorbereitet wurde. Die anderen Zuschauer drängten sich auf dem Marsfeld, in den umliegenden Straßen, auf Hausdächern und an den Ufern der Seine. Um 17 Uhr verkündete ein Kanonenschuß den Start des Ballons.

"Leichter Regen hatte ihn benäßt, so daß er glänzte", schrieb Franklin. "Seine Größe verringerte sich für das menschliche Auge während des Steigens, bis er in die Wolken eindrang, wobei er mir kaum größer als eine Orange erschien, und wenig später wurde er unsichtbar, da die Wolken ihn verbargen."

In dem Augenblick wandte sich ein Zuschauer an Franklin und stellte ihm die abschätzige Frage, die im Zusammenhang mit Ballonen immer wieder auftauchen sollte: "Zu was nützen die Ballone?" Worauf Franklin schlagfertig erwiderte: "Zu was nützt das eben geborene Kind?"

Um 17.45 Uhr landete der passenderweise Globe getaufte unbemannte Ballon bei Gonesse, 25 Kilometer nordöstlich von Paris. Er hätte länger in der Luft bleiben können, aber da das sich beim Steigen des Ballons ausdehnende Wasserstoffgas nicht entweichen konnte, bekam die Hülle einen Riß, durch den ein großer Teil des Gases entwich.

Die ersten Dorfbewohner, die den vom Himmel gefallenen Ballon sahen, der sich wand und blähte, während das Gas entwich, hielten ihn für ein Ungeheuer, für eine Verkörperung des Leibhaftigen. Sie bewarfen ihn mit Steinen, während weitere Bauern herbeigerannt kamen. Ein Pariser Journal schilderte die nun folgenden Ereignisse: "Das bebende und springende Ungeheuer wich den ersten Hieben aus.

Schließlich erhielt es jedoch eine tödliche Wunde und fiel mit einem langen Seufzen in sich zusammen. Dann erhob sich Triumphgeschrei, und die Sieger wurden von neuer Tapferkeit beseelt." Ein Mann näherte sich vorsichtig dem Ballon und stieß ihm ein Messer in den Leib, so daß nach Schwefel riechendes Gas entwich, das die Angreifer erneut zurücktrieb.

Als das Ungeheuer endlich besiegt war, banden die Bürger von Gonesse es an ein Pferd und schleppten es über die Felder, bis es zerfetzt war. Im Gegensatz zur Landbevölkerung waren die Pariser von diesem spektakulären Phänomen begeistert.

Cavallo berichtete von einem wahren Ballonfieber, das damals Paris erfaßte. Kleine gasgefüllte Ballone aus Goldschlägerhaut (der gummiartigen äußeren Haut des Ochsenblinddarms, die von Goldschlägern bei der Herstellung von Blattgold als Schutz zwischen Arbeitsmaterial und Treibhammer gelegt wurde) waren bald in mehreren Geschäften erhältlich.

Um dem übrigen Frankreich zu versichern, Ballone seien harmlos, und um eine Wiederholung des Vandalismus bei Gonesse zu verhindern, ließ die Regierung im ganzen Land bekanntmachen, daß weitere Experimente mit noch größeren Ballonen geplant seien.

Die Verlautbarung erläuterte der Bevölkerung, ein Ballon sei "nur eine Maschine aus Taft oder leichtem Leinen..., von der man die Erwartung haben darf, dass sie eines Tages nützliche Anwendungen für die Bedürfnisse der Menschen finden werde". Das Journal de Paris bat alle Finder von Ballonen, der Zeitung Fundort und Zustand des Aerostaten zu melden.

Beide Aufforderungen ergingen in dem Bewusstsein, dass die Bruder Montgolfier nach Versailles eingeladen worden waren, um dort ihren Heißluftballon König Ludwig XVL und seinem Hof vorzuführen. Tatsächlich war Etienne Montgolfier so frühzeitig in Paris angekommen, um mit dem Bau eines neuen Ballons zu beginnen, dass er den Aufstieg von Professor Charles Globe noch miterlebt hatte.

Etiennes Anwesenheit in der Hauptstadt - Joseph, der weniger umgängliche der beiden Brüder, zog es vor, in Annonay zu bleiben und seine Experimente fortzusetzen - verlieh dem Wettstreit erst die rechte Würze. Am 12. September, also nur 16 Tage nach dem Aufstieg des Ballons Globe, hatte Etienne einen spektakulären Ballon von "sehr eigenartiger Form", wie Cavallo bemerkte, fertiggestellt:
„Sein Mittelteil war prismenförmig, seine Spitze war eine Pyramide, und der unterste Teil bestand aus einem Kegelstumpf."

Um seinen sieben Stockwerke hohen Riesenballon füllen zu können, ließ Montgolfier eine etwa eineinhalb Meter hohe Plattform bauen. Durch ein Loch in der Plattform gelangte der Rauch eines darunter entzündeten Feuers in den Ballon, der zwischen zwei Masten über diesem Loch aufgehängt war.

Ein Vorteil des Heißluftballons gegenüber dem Wasserstoffballon zeigte sich deutlich, als Montgolfier seine prächtig bemalte aerostatische Maschine für einen Fesselstart füllte, zu dem Kommissare der Akademie der Wissenschaften eingeladen worden waren.

Im Gegensatz zu den vier Tagen, die die Füllung des Wasserstoffballons gedauert hatte, war die Montgolfiere - wie Heißluftballone unterdessen genannt wurden schon nach nur zehn Minuten über einem rauchenden Feuer gefüllt und zerrte an ihren Haltetauen. Als die Bodenmannschaft gerade die Leinen nachließ, um festzustellen, wieviel Auftrieb der aus Leinwand und Papier gebaute Ballon besaß, brach ein Platzregen mit stürmischen Böen los, in denen die Montgolfiere heftig an ihren Haltetauen zerrte. Dabei riß der Ballon und wurde völlig zerstört.

Der Aufstieg vor dem König sollte bereits eine Woche später stattfinden. Etienne Montgolfier beeilte sich, einen neuen Ballon zu bauen - diesmal in der einfachen Form einer Kugel mit unten angesetztem Zylinder. Seine unermüdlichen Mitarbeiter schnitten Baumwolltuch in lange Bahnen, nähten sie zu einer Kugel zusammen und fütterten sie innen mit Papier aus.

In nur vier Tagen wurde ein Ballon von 17 Meter Höhe und zwölfeinhalb Meter Durchmesser gebaut, bemalt und erprobt. Montgolfier traf am 19. September 1783 um 8 Uhr mit seinem Ballon in Versailles ein. Neben der Plattform, die zur Füllung des Heißluftballons gebaut worden war, erklärte er König Ludwig XVI., wie seine Maschine Ihre Last tragen würde.

Ein Teil der Zuschauer spekulierte darauf, dass ein Mensch mit dem Ballon aufsteigen werde, aber Etienne hatte sich für den Anfang zu einem Tierversuch entschlossen: Ein Schaf, ein Huhn und eine Ente, die in einem Weidenkorb unter dem Ballon hingen, würden die ersten Passagiere eines von Menschen gebauten Luftfahrzeugs sein.

Um 12.50 Uhr entzündete Montgolfier ein Feuer, in das alte Schuhe, verwesendes Fleisch und nasses Stroh geworfen wurden, um den nach seiner Meinung wirksamsten Rauch zu erzeugen. Der größte Teil dieses beißenden Qualms gelangte durch einen Leinwandschlot in den Ballon; trotzdem entwich genug, um Etiennes königliche Gastgeber dazu zu bewegen, einen entfernteren Beobachtungsplatz aufzusuchen.

"In vier Minuten", schrieb Etienne an seinen Bruder Joseph in Annonay, "war die Maschine gefüllt. Alle ließen gleichzeitig los, und die Maschine stieg majestätisch in die Höhe. Unmittelbar nach dem Aufstieg kam ein Windstoß, der sie schräglegte. In diesem Augenblick befürchtete ich einen Misserfolg.
Aber der Ballon richtete sich wieder auf, stieg weiter und trug seine lebende Fracht bei leichtem Wind davon. Die königliche Familie, der Hofstaat und alle übrigen Zuschauer applaudierten. Zwei Astronomen berechneten die Gipfelhöhe des Ballons auf 560 Meter, bevor er in das etwa dreieinhalb Kilometer entfernte "Gehölz bei Vaucresson" niedersank.

Mehrere Zuschauer eilten zum Landeort, wo sie feststellten, daß der Käfig im Sinken durch einen vorbeistreifenden Ast geöffnet worden war, so daß die Tiere sich in Freiheit befanden. Das Schaf und die Ente schienen ihr Luftabenteuer unbeschädigt überstanden zu haben, aber der Hahn hatte sich auf der achtminütigen Fahrt offenbar am Flügel verletzt.

Diese Verletzung gab zu besorgten Erwägungen Anlaß, ob der Mensch es wagen dürfe, sich Luftfahrzeugen anzuvertrauen - bis mehrere Zeugen aussagten, das Schaf habe den Hahn getreten, noch bevor der Ballon aufgestiegen sei.

Der König war mit diesem Versuch sehr zufrieden, aber als Etienne Montgolfler seine Absicht bekanntgab, einen Ballon für Menschen zu bauen, bestand Ludwig XVI. darauf, dass als Passagiere nur zum Tode verurteilte Verbrecher in Frage kämen, die begnadigt werden sollten, falls sie die Fahrt überlebten.

Aber der luftfahrtbegeisterte Aristokrat Francois Pilotre Pilätre de Rozier, mit 26 Jahren eines der jüngsten Mitglieder der Akademie der Wissenschaften, wandte sich ganz entschieden gegen diese Anordnung des Königs. Pilätre de Rozier war empört darüber, dass gemeine Verbrecher den Ruhm ernten sollten, die ersten Luftfahrer der Welt zu sein, und erbot sich, an ihre Stelle zu treten.

Der junge Adlige, der als Gründer eines naturwissenschaftlichen Museums in Paris bekannt geworden war, hatte etwas Draufgängerhaftes an sich. Besucher seines Museums entzückte und einschreckte er, indem er Wasserstoffgas einatmete und beim Ausatmen anzündete.

Außerdem besaß er Mut und Gelassenheit in kritischen Lagen - beides Eigenschaften, die sich bei Ballonfahrern als wertvoll erweisen würden - sowie die Fähigkeit, wichtige Männer für sich einzunehmen.

Pilätre de Rozier überredete den Marquis Francois Laurent d'Arlandes, seinen Einfluß bei einer der Hofdamen der Königin Marie Antoinette zu nutzen, um König Ludwig XVI. dazu zu bewegen, statt eines Verbrechers einen ehrbaren Franzosen die erste Luftreise wagen zu lassen.

Das gelang d'Arlandes auch, aber er forderte eine Gegenleistung: Er würde Pilätre de Rozier auf dieser denkwürdigen Luftfahrt begleiten. Der Ballon, mit dessen Bau Etienne Montgolfier begonnen hatte, war das bisher großartigste Luftfahrzeug.

Die wichtigsten Neuerungen waren eine Passagier-galerie aus Weidengeflecht, die den Ballon unten wie ein runder Balkon umgab, und ein Feuerkorb, der an Ketten unter der Füllöffnung hing, so daß die Ballonfahrer während der Fahrt Rauch - mit anderer Worten: Heißluft - erzeugen und auf diese Weise länger In der Luft bleiben konnten.

Ebenfalls an Bord befanden sich Heugabeln, mit denen Strohbündel nachgelegt werden konnten, und Wassereimer mit Schwämmen, um etwa auftretende kleinere Brände löschen zu können. Pilätre de Rozier machte seinen ersten Fesselaufstieg mit diesem Ballon am 15. Oktober 1783 in Paris und erreichte dabei eine Höhe von etwa 25 Metern.

Er war so aufgeregt, das er bei der Landung gegen eines der noch ungeschriebenen Gesetze der Ballonfahrt verstieß, indem er von der Galerie sprang, bevor der Ballon festgehalten wurde, so dass die um sein Gewicht erleichterte Kugel prompt wieder bis ans Ende des Fesselseils hochstieg.
PiIätre de Rozier blieb unerschütterlich. "Der furchtlose Abenteurer", schrieb Cavallo, "versicherte seinen Freunden und der Menge, die ihn mit Bewunderung, mit Staunen und mit Angst betrachtet hafte, er habe nicht die geringste Unannehmlichkeit zu ertragen gehabt: kein Schwindelgefühl, keine lästige Bewegung, keinerlei Stöße."

Vier Tage später stieg Pilätre de Rozier erneut am Seil auf, erreichte Höhen von 65,80 und 100 Metern und wurde beim dritten Fesselaufstieg vom Marquis d'Arlandes begleitet.

Nach Abschluß dieser Probeaufstiege wurde der Ballon am 20. November 1783 aus Paris in den Park des Schlosses la Muette, das dem Dauphin gehörte, am Rande des Bois de Boulogne transportiert. Obwohl die geplante Freifahrt nicht angekündigt worden war, fanden sich am Morgen des 21. November Tausende von Parisern als Augenzeugen ein.

Der Morgen war grau und windig, und der Ballon wurde bei einem letzten Fesselstart gegen Bäume getrieben und an mehreren Stellen beschädigt. Während hastig zusammengeholte Arbeiter mit der Reparatur der Risse begannen, wurden die Zuschauer immer ungeduldiger wegen dieser Verzögerung.

Nach zwei Stunden schien jedoch endlich alles in Ordnung zu sein; selbst der Wind hatte nachgelassen. Etienne Montgolfier äußerte seine Zufriedenheit mit den Bedingungen. Heißluft stieg aus einem riesigen Ofen in den Ballon, der sich erneut zu seiner blaugoldenen Pracht entfaltete sieben Stockwerke hoch und zwei Drittel davon breit.

Pilätre de Rozier und der Marquis d'Arlandes nahmen ihre Plätze auf gegenüberliegenden Seiten der Galerie ein, damit sie im Gleichgewicht blieb. Die Menge schwieg erwartungsvoll. Der Feuerkorb wurde an seinem Platz befestigt, und die Helfer am Boden ließen die Seile los. Um 13.54 Uhr stieg der Ballon majestätisch in die Luft.

Die Montgolfiere gewann langsam Höhe und fuhr bei leichtem Nordwestwind über den Park in Richtung Stadt. In etwa 85 Meter Höhe grüßten die ersten Luftfahrer der Welt die Zuschauer, indem sie ihre Hüte schwenkten. ,,Mich befremdete das Stillschweigen und die unbewegliche Ruhe, welche nach unserer Abreise unter den Zuschauern herrschte", schrieb d'Arlandes später.

Die Augenzeugen waren offenbar vor Erstaunen wie gelähmt. D'Arlandes war selbst so von dem Anblick der unter ihnen kleiner werdenden Stadt gefesselt, dass er die jetzt wichtigste Aufgabe - das Heizen - vernachlässigte. Pilätre de Rozier riß ihn abrupt aus seinen Träumen. "Sie tun nichts", rief er, "und wir steigen fast gar nicht."

Der Marquis warf hastig ein Bündel Stroh ins Feuer und beobachtete zufrieden, wie die Spielzeughäuser unter ihm merklich kleiner wurden. Die im Park zurückgebliebenen Zuschauer waren ebenso begeistert.

"Bald verlor man die Luftschiffer aus den Augen", hieß es in der nach der Landung aufgesetzten Urkunde, "aber die Maschine, die über dem Horizonte schwebte und ihre ganze schöne Form zeigte, blieb dabei noch immer sichtbar, ...... über die Seine, kam zwischen der Ecole Militaire und dem lnvalidenhause durch und konnte hier von ganz Paris gesehen werden."

Aber an Bord war eine kritische Situation entstanden. Etwa auf halber Strecke stellte d'Arlandes besorgt fest, daß das Feuer runde Löcher, "deren einige von beträchtlicher Größe waren", in die Ballonhülle brannte und die Tragseile der Galerie gefährdete. Tatsächlich waren bereits zwei dieser Seile mit alarmierendem Ruck gerissen.

D'Arlandes griff rasch nach Schwamm und Wassereimer, die für einen Notfall dieser Art an Bord waren, löschte die kleineren Brände und verhinderte dadurch eine Katastrophe. Nachdem d'Arlandes sich als Feuerwehrmann betätigt hatte, sahen die Luftfahrer, daß sie den Dächern von Paris unangenehm nahe gekommen waren.

Sie warfen gelassen mehr Stroh aufs Feuer und erhoben sich aus der Gefahrenzone. Kurze Zeit später ließen sie das Feuer niederbrennen und landeten sanft zwischen zwei Windmühlen, nachdem sie etwas mehr als acht Kilometer zurückgelegt hatten.

Diese erste Landung eines bemannten Freiballons ließ eine besondere Eigenart dieses Transportmittels erkennen: So erhaben und majestätisch es in der Luft wirkte, so schwerfällig und gewichtig war es auf der Erde. Als der Marquis d'Arlandes aus der Galerie kletterte, fühlte er den rasch abkühlenden Ballon auf seinen Kopf herabsinken.

Er sah sich nach Pilätre de Rozier um und lief auf dessen Seite, "um ihm aus dem Haufen Leinwand herauszuhelfen, der ihn bedeckte aber noch ehe ich herumkam, sah ich ihn von unten im Hemd hervorkommen..

Berücksichtigt man die Risiken dieser ersten Ballonfahrt, war sie ein voller Erfolg - und eine Sensation. Der Chronist Cavallo versuchte, das Wunderbare dieses Ereignisses zu schildern. "Stellen Sie sich vor, daß ein Mensch durch gänzlich neuartige Mittel auf diese Höhe gehoben wird", schrieb er, "und eine der größten existierenden Städte überblickt, auf deren Straßen sich Zuschauer drängen, die auf jede nur mögliche Weise ihrem Staunen und ihrer Besorgnis Ausdruck verleihen.

Denken Sie über die Aussicht, die Lobreden und die Folgen nach und ermessen Sie dann, ob Ihr Verstand in träger Gleichgültigkeit verharrt." In den Tagen nach dem Aufstieg der bemannten Montgolfiere waren Professor Charles und die Brüder Robert damit beschäftigt, nun auch einen Gasballon für eine Freifahrt vorzubereiten.

Dabei vervollständigten sie ihren Ballon in allen wichtigen Teilen, die (mit Ausnahme von Schleppseil und Reißbahn) seit nunmehr zwei Jahrhunderten gleichgeblieben sind. Der Füllansatz dieses neuen Ballons war nicht mehr mit einem Ventil verschlossen, sondern blieb offen, damit Wasserstoffgas entweichen konnte, wenn der Ballon stieg; durch diesen Druckausgleich wurde ein Piatzen der Hülle verhindert.

Weiterhin baute Charles am "Nordpol" des Ballons, das heißt ganz oben, ein Ventil ein, von dem eine Schnur durch den Ballon und den Füllansatz in die Gondel führte, so dass der Ballonfahrer Gas ablassen konnte, um sein Steigen zu verlangsamen oder zur Erde zurückzukehren.

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